Donnerstag, 8. Oktober 2009

Warum ich gerne weine.

Ich habe das letzte Mal vor 10 Jahren in der Öffentlichkeit geweint. Das war in der fünften oder sechsten Klasse, ich kann mich noch daran erinnern, als wäre es gestern. Wir schauten uns mit allen Klassen irgend so ein Antigewalt-Theaterstück an, in der Aula. Bevor wir unseren Klassenraum verließen, sagte unsere schreckliche Klassenlehrerin, dass wir absolutes Redeverbot hätten, sobald wir auf unseren Plätzen säßen. Leider Gottes saß ich aber zufällig vor meinem damals besten Freund, der etwa einen Kopf kleiner war als ich. Er beschwerte sich, dass er nichts sehen könne, ich sagte, dass ich nichts dafür kann. Wir diskutierten, ich bot ihm an, dass wir die Plätze tauschen könnten, schließlich war er mein bester Freund und ich wollte das Stück sowieso nicht sehen. Genau in dieser Diskussion fing das Intro des Stückes an und unsere schreckliche Klassenlehrerin kam zu uns. Nein, besser: Zu mir. Sie tadelte mich, drohte mir irgendwas an und ich musste mich direkt an den Gang neben sie setzen. Ich habe von dem Stück nichts mitbekommen, da ich so sehr in meinen Hass auf meine schreckliche Klassenlehrerin vertieft war.
Das Stück ging zu Ende und wir verließen die Aula und gingen wieder in unseren Klassenraum. Ich wusste, dass mir jetzt eine Standpauke vor der ganzen Klasse bevorstand, aber die vorherige Tadelung vor meiner ganzen Klasse und einem Teil der ganzen Schule saß mir so tief im Mark, dass ich beim ersten Wort meiner Klassenlehrerin anfing zu weinen. Ich fühlte mich noch niemals in meinem Leben so ungerecht behandelt. Eigentlich wollte ich doch nur jemand anderem was Gutes tun, aber dafür wurde ich bestraft.
Einige Klassenkameradinnen, bei denen ich ab und zu mal zu Besuch war, aber mit denen ich nie richtig befreundet war, versuchten mich zu trösten. Ich fand diese Tröstung so absolut falsch, dass ich noch mehr weinen musste. Mein bester Freund sagte, das sei alles nicht so schlimm, Augen zu und durch. Aber ich fand alles scheiße. Meine Klassenlehrerin, meine Klassenkameraden, meine Schule.
Der Tag ging vorbei. Vielleicht beschloss ich an diesem Tag nicht mehr in der Öffentlichkeit zu heulen. Vor meiner Familie weinte ich bis zum Ende meiner Pubertät desöfteren, danach auch nicht mehr. Weil ich keinen Grund mehr hatte. Gott sei Dank.
Ich merkte irgendwann, dass Weinen für mich ein persönlicher Vorgang ist. Ein Vorgang, bei dem ich mich ganz auf mich selbst konzentriere und niemand anderes teilhaben soll. Ich will nicht, dass irgendjemand den Grund meiner Tränen herausfindet. Nicht, weil ich mich für diesen Grund schäme, sondern weil ich mich nicht erklären will.
Ich weine so oft bei Filmen, dass ich neben meiner Konzentrationsschwäche auch aufgrund meines Hanges zum Weinen bei tollen Bildern und großartiger Musik sehr selten ins Kino gehe. Auch Filmabende mit Freunden verschmähe ich aus demselben Grund. Lieber gucke ich Filme allein, damit ich dabei hemmungslos weinen kann.
Als meine Katze starb, dachte ich, dass mich das nur so halbwegs traf, bis ich eines Tages beim Anblick eines Katzenbildes einen ganzen Abend lang im Bett lag und richtig heulte.
Neulich saß ich in der S-Bahn und sah an einem Bahnhof ein Plakat, auf dem zwei Orang-Utans abgebildet waren, die sich umarmten. Ich musste beinahe weinen. Einen Tag später fuhr ich am selben Plakat vorbei und guckte es nur wie alle anderen Plakate an. Wiederum ein paar Tage später musste ich wieder fast weinen. Ich kann mich eben nicht erklären und ich will es nicht.
Ein anderer schöner Moment war, als wir in diesem Sommer an vier Tagen vor insgesamt 2000 Menschen unser Theaterstück aufführten. Meine Rolle war klein, ich hatte insgesamt drei Sätze, meine Auftritte in einer Sprechrolle (Lady Montague) und einer Komparsenrolle (Ballgast) waren insgesamt zehn Minuten lang. Nach der letzten Aufführung feierten wir ausgiebig, gingen danach noch mit den Übriggebliebenen in eine Kneipe, der Visagist fuhr mich nach hause, ich stieg mit einem freudetrunkenen Lächeln aus dem Auto, schloss die Haustür meiner Eltern auf, zog mich um, putzte mir die Zähne, grinste dabei in den Spiegel, ging in meine Zimmer, legte mich ins Bett und plötzlich wurde mir klar, dass alles vorbei war. Dieses Gefühl des Zusammenhalts des Ensembles; die Insider-Witze; dieser Zufall der letzten Aufführung, als es dann doch noch regnete, aber genau in dem Moment, als die Scheinwerfer ausgingen; die kurzen Anspielungen, wenn man sich traf und in seine Rolle fiel: Alles war vorbei.
Ich weinte eine halbe Stunde aus tiefstem Herzen.

"Die meiste Zeit bin ich zu bewusst, um traurig zu sein."
Marion, Der Himmel über Berlin