Donnerstag, 6. Juli 2006

Man lebt an sich vorbei.

Meine Gedanken stocken. Ich schaffe es nicht zwei Sätze aneinander zu reihen, die irgendeinen Sinn ergeben. Mein ganzes Leben spielt sich nur noch in Notizen, Fragmenten und Stichwörtern ab. Da ist kein roter Faden, der sich durch die Geschichte zieht, da ist nur ein Zettel, auf dem Wörter ohne Zusammenhang stehen. Eigentlich nicht schlimm, aber das schlimmste ist die Tatsache, dass es mich nicht interessiert. Es ist mir so egal, so egal, denke ich immer wieder. Und warum sollte ich was dagegen unternehmen, es ist mir ja egal, dass es mir egal ist.
Das letzte Jahr hat mich zum Indifferentisten gemacht. Es war größtenteils ein entspanntes Jahr, aber auch ein Jahr, in dem ich viel totgeschwiegen habe. Für mich war es in einigen Situationen einfacher zu schweigen, als mich wieder auf unnötige Diskussionen einzulassen, aus denen ich eh als Verlierer herausgehen würde. Mein erstes Jahr in der 11. hat hier seine deutlichen Spuren hinterlassen.
Natürlich habe ich auch was gesagt, ich habe meine Meinung abgegeben, aber im Prinzip hat es mir außer Enttäuschung nichts gebracht. Vielleicht, weil es mir egal war, eigentlich, aber ich doch noch irgendwie was sagen musste.
Würde ich nun sitzen bleiben, ich könnte nichts dagegen tun. Ich habe eine 5 in Mathe, eine 4- in Bio. Eigentlich kein Problem, da ich Mathe mit einer 3 in Deutsch und Bio mit einer beliebigen 3 in einem Nebenfach – das wären bei mir z.B. Religion, Chemie, Geschichte - ausgleichen kann. Aber ich traue der Regelung nicht mehr, da man sie ja anscheinend außer Kraft setzen kann. Versetzung hängt nur mit Mögen und Nichtmögen, Überredungskünsten und Lügen zusammen. Ich bin unfähig zu reden, unfähig irgendwas zu erzählen.
Ich habe Angst vor meinem Abitur. Nicht, weil meine Leistungen zu schlecht sind, das wäre meine eigene Schuld und kein Grund zum Jammern, nein, ich habe Angst vor meinen Lehrern. Ich habe Angst, dass ich wieder „an die falschen gelange“. Meine Englischlehrerin gab mir dieses Jahr mündlich eine 6, dabei habe ich mich gemeldet. Nicht übermäßig viel, es wäre maximal eine 4-. Aber wieso kriege ich in Mathe, wo ich mich nur einmal im zweiten Semester gemeldet habe, dann eine 5 mündlich?
Vor genau einem Jahr riss ich mir den Arsch auf, um das Jahr noch zu schaffen. Als ich dann sitzen blieb, lieferte mir mein Klassenlehrer nur irgendwelche Ausreden für die – in meinen Augen – stattfindende Ungerechtigkeit. Er redete sich da irgendwie raus, wollte damit nichts mehr zu tun haben. Ich habe das alles nicht verstanden. Für mich war es klar, dass alles meine Schuld war. Dass eigentlich alles, was in dem Jahr in nicht nur meinem Leben schief lief, meine Schuld war. Und dass meine Lehrer genau dasselbe dachten. Ich fühlte mich schuldig. Ich war in meinen Augen der letzte asoziale Trottel und dachte, dass mir die gesamte Welt genau das vorwirft.
Ich muss mich damit abfinden, dass Menschen, die mir diese Meinung vermitteln wollen, nicht gut für mich sind. Vielleicht bin ich asozial, vielleicht bin ich ein egoistischer Großkotz, aber ich bin nicht für alles Übel dieser Welt verantwortlich.
Es hat ein Jahr gedauert das zu lernen.
Es hat 4 Wochen gedauert, bis ich Menschen gefunden habe, denen es egal ist, was ich tue. Die wissen, dass jeder seine Fehler hat und diese Fehler mitunter amüsant sind. Jeder macht sich über die Fehler des anderen lustig, aber es ist auf eine Weise, in der alle damit einverstanden sind und es keine Verlierer gibt.
Und es brauchte keine Worte, um das zu erklären.